Die georgische Tafel

Gemälde von Niko Pirosmani: georgische Tafelszene mit Gästen, gefüllten Weinkrügen und reich gedecktem Tisch
Gemälde von Niko Pirosmani (1862–1918), dem bekanntesten Maler des georgischen Primitivismus

Als Kind habe ich solche Tafeln geliebt, wie wohl alle Kinder. Während die Erwachsenen beschäftigt waren, den Tisch möglichst schön, fast unmöglich schön, zu decken und reichlich mit Essen zu bedecken, durften wir schon vorab süße Limonade trinken und Kuchen naschen. Die Tafel selbst war für mich schon mein erstes großes Bühnenerlebnis: Es wurde mit voller Hingabe gesungen, getanzt und erzählt, und die Georgier sind ja bekannt für ihre Tänze und ihren Gesang. Dieses Erlebnis hat mich danach oft noch wochenlang innerlich begleitet.

„Die Tafel selbst war für mich schon mein erstes großes Bühnenerlebnis.“

Für Ausländer ist es oft ungewohnt, aber sehr praktisch: In Georgien werden alle Gerichte gleichzeitig aufgetragen, nicht nacheinander in Gängen. Jeder Gast bekommt einen oder mehrere leere Teller und kann sich bedienen, wann und wie viel er möchte. So sieht der Tisch von Anfang bis Ende wie eine Festtafel aus, und genau das ist für Georgier ein wichtiger Teil des Erlebnisses.

Diese georgische Tafel, die Supra (wörtlich „Tischtuch“), ist mehr als reichlich gedecktes Essen. Es ist eine gesellschaftliche Institution mit eigenen, festen Regeln. Bei größeren Anlässen, aber auch schon, wenn einfach nur drei Georgier zusammensitzen, beginnt ein mitunter mehrstündiges Wechselspiel aus langen Trinksprüchen, Reden, immer neuen Speisen und im besten Fall Gesang.

Für Schwung und Ordnung sorgt dabei der Tamada, der Tischmeister. Er wird von der Tischgesellschaft gewählt und bringt zu jedem Thema den ersten Trinkspruch aus, dem alle mit eigenen Worten folgen dürfen. Ein Abend beginnt dabei nie zufällig: Zuerst wird dem Frieden zugetrunken, dann den Menschen am Tisch selbst, dann den Eltern, den Vorfahren, die nicht mehr unter uns sind, und schließlich den Kindern. Erst wenn diese großen Themen ihren Platz gefunden haben, wird es persönlicher, und der Tamada leitet Rede und Gegenrede quer durch die Tafel. In Restaurants gibt es wegen dieser lebendigen Tischtradition oft eigene, abgetrennte Bereiche mit einem großen Tisch und vielen Stühlen, damit sich die Gesellschaften nicht gegenseitig stören.

Die Georgier sind sehr gastfreundlich und aufgeschlossen. Wenn Sie einmal in Georgien sind, kann es Ihnen deshalb leicht passieren, dass Sie selbst zu einer Supra eingeladen werden.

Gut zu wissen, wenn Sie eingeladen werden

  • Kommen Sie mit Hunger und Zeit: Eine Supra dauert oft mehrere Stunden, und es wird durchgehend nachserviert.
  • Ein Trinkspruch wird nicht einfach abgenickt, sondern erwidert, auch mit ein paar eigenen Worten ist das willkommen.
  • Und zum Schluss, mit einem Augenzwinkern: Sie bestimmen an diesem Abend nicht mehr selbst, wann und wie viel Wein Sie trinken, das übernimmt der Tamada.

Möchten Sie Ihre eigene kleine Supra feiern? In unserer georgischen Küche finden Sie die passenden Gerichte zum Nachkochen, und mit unserem Entdeckerpaket haben Sie die Weine für die ersten Trinksprüche gleich mit dabei.